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Natur Jenseits | Visionen von Mario Raciti über die Landschaft des Alto-Garda-Gebiets
MAG Riva del Garda, Museo
Bis Sonntag 12. Juli 2015
Kurator Claudio Cerritelli
Eröffnung: 14. März um 18 Uhr
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Mario Raciti, Benacus, 2015, tempera, pastello e grafite su carta, 70 x 100 cm

Nach einigen Erkundungen im Alto-Garda-Gebiet im November 2014 schuf Mario Raciti einen Werkzyklus auf Papier, die dem Betrachter unterschiedliche imaginäre Wege rund um die Orte erschließen, die Raciti am stärksten beeindruckten. Sowohl was die landschaftlichen Gegebenheiten als auch die unbestimmteren und flüchtigeren Sinneseindrücke betrifft. Und Letztere beinhalten die Möglichkeit, sich über das Sichtbare hinaus in die instabilen Zonen der in der Schwebe befindlichen, entfremdenden und umherirrenden Vision zu begeben.
Der Titel, den der Künstler für diese Ausstellung wählte (Natura Oltre, dt. Natur Jenseits), verweist auf diese imaginäre Grenzüberschreitung, die die Morphologie der Landschaft hervorrief. Jener Charakter der Anwesenheit oder Abwesenheit eines Bilds, das die konstante Identität seiner Forschung, den Erfindungsprozess und die Enthüllung des Unsichtbaren darstellt, wurde jedoch offen gelassen.
Dieser Werkzyklus gewinnt noch mehr an Bedeutung, da er sich im Kontext der Studien, die Raciti seit mehreren Jahrzehnten rund um die Formen des Unbekannten betreibt, als einen geglückten Exkurs darstellt. Als eine Erzählung aus ungezählten Beobachtungen, die sich selbstständig und vollendet unter Einwirkung natürlicher Komponenten mal offenbaren, mal verbergen. Anhand von etwa sechzig Werken unterschiedlicher Größe (Bleistift- und Tuschezeichnungen, Temperafarben, gemischte Techniken) fasst die Ausstellung die Essenz von Orten, Naturformen und Panoramen zusammen, die sich von kleinsten Details ausgehend dem Ungreifbaren öffnen, mit räumlichen Intuitionen, die das Überschreiten der bekannten Formen ermöglichen.
Die über Arco thronende Burg, die steil abfallenden Felsen des Ponalepasses, die Stollen des westlichen Gardagebiets, die Varone-Wasserfälle, die Transfigurationen des Monte Brione, die symbolische Wiederentdeckung der Friedhöfe, das Uferpanorama, die Gebirgskämme in der Ferne, die Wege und Pfade inmitten der Vegetation, die Silhouetten von Olivenhainen und raumstrukturierenden Zypressen. Dies sind die wiederkehrenden Orte, die der Künstler auf seiner Reise durch die verschiedenen, einzigartigen Stimmungen der Natur des Gardagebiets festhielt, figurative Intuitionen, die das Erstaunliche und Zauberhafte der Landschaft zum Ausdruck bringen, aber auch jene subtile Verwirrung, die Raciti in seiner Art und Weise, Zeichen und Farben zu schaffen, zwangsläufig hervorruft.  Es handelt sich um eine Abfolge von poetischen Visionen, die auf die tiefen Energien des Unbewussten verweisen, auf die unruhigen Impulse der Imagination, auf die grafisch-bunten Abenteuer, die einen neuen Blickwinkel eröffnen, der die Fantasie in Sphären zwischen Meditation und innerer Transfiguration abschweifen lässt.

Zu diesem Anlass wird ein Katalog der ausgestellten Werke veröffentlicht, in den das kritische Essay des Kurators Claudio Cerritelli, Dozent für zeitgenössische Geschichte an der Akademie der Schönen Künste in Brera, einführt.


Mario Raciti wurde 1934 in Mailand geboren. Ende der 1950er-Jahre gab Raciti seine juristische Laufbahn auf und widmete sich voll und ganz der Malerei. Seit damals zieren Werke, die über ein halbes Jahrhundert alt sind, die Wände von Sammlungen und Einrichtungen und zeugen von einer Besessenheit, die den Künstlern aller Zeiten zu eigen ist und diese mittels ihrer lebhaften Fantasie und zufälliger Augenblicke dazu führt, eine für das Jenseits offene Welt zu durchlaufen.

„Als ich mich 1952 für Rechtswissenschaften und nicht in Brera immatrikulierte, obwohl ich bereits den Wunsch hegte, unbedingt „Maler zu werden“, begann ich, jene „transgressive“ Linie zu verfolgen, von der ich auch später in meinem Beruf als Maler nie abgewichen bin. Ein bisschen anarchisch, nicht den aktuellen Standards angemessen (in der Zeit der analytischen Malerei nutzte ich die Flachpinseltechnik!), folgte ich im Gegensatz zu anderen dem gängigen Trend nicht. Ich fühlte die Kunst nicht als Form (im Gegensatz zu den Behauptungen vieler ähnelte mein Werk etwa wegen der Farbe Weiß und des Gebrauchs des Bleistifts nicht dem von Novelli oder Twombly). Ich näherte mich der schlichten Ausführung (Ende der 1970er-Jahre) eher aufgrund einer spirituellen Exklusivität als aufgrund von Pragmatismus an. („Deine Malerei ist zu poetisch, um der neuen Malerei anzugehören“, teilte mir Fagone mit.)
Vielmehr verfolgte ich andere Hirngespinste auf einer Reise zu einem Nirgendwo, in einer visionären Atmosphäre an Spannungen und Zerstreuung. Meine Malerei habe ich stets so konzipiert, dass sie tief in die Psyche des Reisenden eindringt und dort eine Veränderung erfährt, wie ein Bildungsroman im Stil Heinrich von Ofterdingens, aus dem Klaus Wolbert für meine Arbeit die „blaue Blume“, das Symbol der Romantik, zitierte.
Für einige bin ich ein „Borderliner“, andere, wie Barilli in der Zeitung L‘Unità, halten mich noch für informell „wie einen japanischen Kamikazekrieger, der noch auf einer Insel kämpft, ohne zu wissen, dass der Krieg bereits zu Ende ist. (Aber wie viel Zeit ist seit dem alten Informellen vergangen? Fast so viel wie seit dem „malerischen Schaffen“.) Ich weiß nur, dass ich eingedenk einer immerwährenden Kunst zwischen den Trümmern von heute „eine ultimative Malerei“ erfinde, und mein unauslöschlicher, vordringlicher Traum ist daran schuld, dass ich kandinskymäßig eine Form benötige, die mit den geltenden Regeln nicht klassifiziert werden kann.
In diesem Sinne fühle ich mich „modern“ (und nicht als „Modernist“), denn ich erlebe auf dramatische Weise die Unmöglichkeit der Malerei, als Präsenz vorhanden zu sein („Wäre er kein Künstler“, zitiere ich Gualdoni, „würde Mario Raciti eine glückliche Malerei wollen ...“), sondern als visionäre Spur, als anderswo Verschleiertes in Erwartung eines wahreren Morgens, das heute schmerzlicherweise unmöglich ist.
I fiori del profondo (dt. die Blumen des Tiefen) ist die letzte Entwicklung meiner Malerei. Nach den fantastischen Figurationen der 1960er-Jahre, den Presenze assenze (dt. Anwesenheiten-Abwesenheiten) der 1970er-Jahre und den Mitologie (dt. Mythen) der 1980er-Jahre entstanden die Misteri (dt. Geheimnisse), die 2000 in Why mündeten (dramatisches „Warum“ des Christi am Kreuz). Durch das Wiedererleben des Mythos der Persephone, die als Hades‘ Gefangene das Gespräch auf der Erde mit ihrer Mutter Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit, herbeisehnt, und auf der Erde im Frühling die Blumen wachsen lässt, öffne ich das Drama der Hoffnung, einer Hoffnung, die heute durch den Mangel an echten Kontakten verschleiert ist, einer Hoffnung auf ein neues Leben. In letzter Zeit arbeite ich an Una o due figure (dt. ein oder zwei Figuren) mit Blumen, die zu Pfeilen wurden, und der Beschreibung unerreichbarer Umarmungen.“

Mario Raciti